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061121 - Artikel aus dem Hergiswiler vom November 2006

Von Thomas Vaszary

©Hergiswiler
Crazy PunX: Knüsel ist im Herzen

ein Punk geblieben

Legal, illegal,scheissegal. «Ech

will frei si…» singt ex-Crazy-

Punk und Lead-Sänger Knüsel

aus Hergiswil. Es erinnert an

den Blues der amerikanischen

Negersklaven und den Rock’n’-

Roll einer neuen Teenagerkultur

im Amerika der Nachkriegsjahre.

Doch was 1982 die«Weltwoche

» als Blues-Brüderschaft

beschreibt, löste sich in Luzern

abrupt auf. «Blues und Punk

sind sich so ähnlich,wenn beide

sich in ihren Texten gegen

Unterdrückung und Hoffnungslosigkeit

auflehnen, dass sich die Frage stellt,

ob diese Jungen gar die Neger unserer

heutigen Gesellschaftsind?»

Ein letztes Konzert der bekannten

Punk-Band Crazy am 30.Dezember

1982 in der Roten Fabrik in Zürich und

Knüsel singt: «Sie haben dich im

Beton geboren und heut beklagen

sie sich, dass du Betonkind

Steine an den Händen hast.»

Dann ist Schluss. Aus. Eine der

bekanntesten Punk-Bands der

Schweiz hat ausgepunkt.

 

24 Jahre später im Museum

Bellpark in Kriens, wo Urs Knüsel

(45) aufgewachsen ist.  Der

Knüsel sieht etwas anders aus

als damals, doch der«Drive» in

seiner Stimme lässtv ermuten,

dass der Crazy-Knüsel im Herzen

ein Punk geblieben ist.

Über 400 Zuschauer wollen sich

den einmaligen Auftritt der

alten Crazy-Band nicht entgehen

lassen. Ein Spektakel mit

grosser Ausstellung über30

Jahre Punkszene Innerschweiz,

25 Jahre Sedel Luzern –mitten

drin Crazy und ihr Lead-Sänger

Knüsel.

 
Hühner und

Haus-Besetzung

«Crazy steht für Spass und

Aggression zugleich»,sagt Urs

Knüsel und erinnert sich an die

Aktion «Huhn fängt Huhn»vor

dem Luzerner Rathaus1981.

Jedes der 300 Batteriehühner,

für den durchschnittlichen

Arbeitsmenschen im genormten

Wohnblock stehend, erhielt eine

Wettbewerbskarte um den Hals.

Wer ein Huhn fing, durfte es behalten –

«allen voran zehn Polizisten in

blauen Overalls voller Hühnerkacke»,

erinnert sich Knüsel und grinst.

Knüsel erinnert sich auch an

das einzige Konzert der Crazy

im Luzerner Stadtkeller,als

Tische und Stühle durch die

Fenster flogen, um den 250

ausgesperrten Leuten Einlass

zu gewähren. Die Folge: Fünf

Jahre lang durfte keine Sedel-

Band im Stadtkeller auftreten.

Auch an der friedlichen Hausbesetzung

des Hotel-Restaurant Einhorn war

Knüsel beteiligt. Die Jugendlichen

Machten auf die Luzerner Wohnungsnot

aufmerksam.

 
Erste Schweizer Punkband

mit eigener LP

Doch Knüsel betont, dass die

Luzerner Punkszene imG egensatz

zu anderen Szenen nie gewalttätig

gewesen sei. «Wir trafenuns donnerstags im

Vögeligärtli und Samstags vor

dem Stadttheater. Provokation

pur, jedoch keine Gewalt. Aber

durch die Radikalisierung der

Gesellschaft wurde die Szene in

ein Korsett gedrängt», bedauert

Knüsel und erinnert sich lieber

an die starken Jahre der

Crazy-Band mit «schnörkelloser,

fadengrader Musik».

Im dritten Kochlehrjahr 1979

stösst er zu Crazy. Seine Eltern

lassen ihn ziehen mit den Worten

«dann kommt er auch wieder

zurück». Drei bis vier Proben

pro Woche, es folgen 60

bis 70 Konzerte in der Schweiz

und zwei grosse Deutschland-

Tourneen. Der Drummer Hannibal,

Gitarrist Mongi, Bassist

Tramp, Sologitarrist Ralph und

Leadsänger Knüsel geben als

erste Schweizer Punkband eine

LP heraus.

 
Das Aus für Crazy

Warum Anfang 1983 die Auflösung

von Crazy auf dem Höhepunkt?

«Aufhören, wenn’s am

Schönsten ist», sagt Knüsel,

doch dann wird er ernst.«Es

waren wilde Zeiten.Vieles wurde

wichtiger als die Musik. Persönliche

Probleme und sexuelle

Differenzen lautete damals die

ironische Antwort. Doch die

Ursache waren Drogen und

Alkohol», sagt er offen.

Die Punkszene splittete sich

auf und auch Urs Knüsel ging

auf die Suche nach einer neuen

Bestimmung. Als einer der

Wenigen hatte er seine Lehre

beendet. Mitte der 80er Jahre

arbeitete er als Koch im Seniorenzentrum

Zwyden und lernte dort seine Frau

Filomena kennen. Es folgten Diätkoch,

Wirteschule, Gastronomiebetriebsleiter

und Heimleiterschule.

Der heutige Chefkoch eines

Altersheims und verheiratete

Vater von drei Töchtern lebt seit

15 Jahren in Hergiswil,i st leidenschaftlicher

Fischer und träumt von einem Punk-Kochbuch.

Und die Musik?

 
Im Knüsel gärts

«Ich bin kein guter Sänger, aber

auf der Bühne kann ich die Leute

mitreissen», sagt Knüsel.Ist

der Crazy-Knüsel seits einem

tollen Comeback im Mai 2006

wieder auf den Geschmack

gekommen? Wieder Sound

machen und seine alte Leidenschaft

aufleben lassen, das Theater?

Er schweigt, doch im Knüsel

drin gärts, auch wenn sich

die Zeiten völlig verändert

haben.

Die heutigen Punkbands

machen zwar härtere, schnellere

und lautere Musik, doch ihre

Texte sind zum Teil kaum stichelnder

als Lieder von DJ Bobo. Allerdings hat

auch das bekannteste Crazy-Lied

«Dany isch ned anderstgsi, er isch nur

a Schwule gsi…» heute längst

nicht mehr jene Brisanz von

damals. Der Punk von heute

kann seine zerschlissenen

Hosen im C&A kaufen. Etwas

Hena im Haar ist normal und

sogar Irokesenfrisuren, Piercings

und Tätowierungen hauen

heute kaum mehr eine

Schwiegermutter vom Hocker.

Wann und was immer der

Crazy-Knüsel noch abpunken

wird, vielleicht sogar am Hergiswiler

Lakeside Festival – im Herzen

ist er ein Punk geblieben.

Die Rücken-Tätowierung aus

der Sedel-Zeit  Anfang 80er Jahre

verräts: Wir werdentrotzdem

siegen. Das neuereTattoo, ein

Olivenzweig mit drei schwarzen

Oliven, ist seiner portugiesischen

Frau und seinen drei Töchtern

gewidmet.



Buch: «Hot Love – Swiss Punk & Wave

1976-1980», Lurker Grand,2006,

Edition Patrick Frey, 324Seiten und

über 100 Bilder, 68Franken

Musik: «Crazy», 1991, cod records ag

Cham, Gilbert Delacroix, Bruno

Waser und Hannibal (CDvergriffen)

Film: «Punk Cocktail»,René Uhlmann,

2006, www.punkcocktail.ch und

www.swisspunk.ch

 

30 Jahre Punk-Szene Schweiz

Als 1976 ein paar 20-Jährige das

Magazin Punk gründen, stehen

Bands wie Sex Pistols,The

Damned und The Clash an der

Spitze der Punk-Bewegung. In

Zürich nennt sich die erste

Punk-Band der Schweiz Nasal

Boys. Es folgen Dogbodys,

Hertz, Kleenex, Mother’s Ruin

und TNT. Zu einem Flaggschiff

der Punkszene avanciert 1979 bis

1983 auch die Luzerner Punkband

Crazy, schreibt Werner Heller, der

im Mai 2006 im Bellparkin Kriens

die Crazy wiederauferstehen lässt.

30 Jahre Punk – eine radikale und

kreative«No-Future»-Generation

von damals mit Prominenz wie

Schauspieler Beat Schlatter, Rockmusiker

Rams, Street-Parade-

Gründer Arnold Meyer und

Theaterautorin Suzanne

Zahnd. War Punk früher die

Flucht aus der Kleinbürgerlichkeit,

so ist es heute eine innere

Haltung. Aus den 68igern sind

mittlerweile ja auch Bundespräsidenten

geworden und die

Punks sind die letzte Subkultur

nach den Hippies…


25 Jahre Sedel

Einmalig für Europa und bis

heute ein wichtiges Kulturhaus

für Luzerns Alternativszene:

Der Sedel, ehemalige

Strafanstalt über dem Luzerner

Rotsee und seit 25 Jahren

Mutter der alternativen

Musikszene. Die Zürcher

Jugendunruhen drohten nach

Luzern überzuschwappen, als

1980 durch den Brand des

«Kriegerhauses» auf der Luzerner

Allmend viele Bands ihre

Probelokale verloren. Die

Musikszene und etliche Punks

machten Druck. Erst die Demo-

Ankündigung für den 7.Februar

1981 machte den Stadtrat

gefügig und den Sedel möglich.

Statt Eskalation «…sonst

sehen wir uns die Schaufenster

in der Altstadt näher an»

gabs Musik auf dem Rathausplatz

mit Crazy-Knüsel. Auch

die wilden Sedeljahrekonnten

das Musikzentrum nicht

umhauen, vielmehr schrieb

der Sedel Musikgeschichte,

auch im Ausland. Heuer wird

er 25 Jahre jung.

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