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061130 - Artikel aus der Südostschweiz vom 23.10.06 © Die Südostschweiz Punk-Veteran Dietrich:«Es war eine brisante Mischung»
Rudolph Dietrich veröffentlichte mit der Band Nasal Boys 1976 die erste Punk-Single der Schweiz. Nun meldet er sich mit einer Doppel-CD zurück, auf der die Punkszene von 1976 bis 1980 musikalisch dokumentiert wird. Mit Rudolph Dietrich sprach Jerry Gadient Herr Dietrich, weshalb befassen Sie sich wieder mit ihrer Punk-Vergangenheit? Rudolph Dietrich: Aus reiner Freude und aus himmlischer Fügung. Am Anfang stand das Buchprojekt von Lurker Grand, mich und einige andere hat das kalt erwischt. Sie haben sich dann ebenfalls mit der damaligen Zeit auseinander gesetzt und sind in den Strudel der Freude hineingerissen worden. Nun haben sie parallel zu diesem Buch die CD «Sheer Hilariousness» mit Schweizer Punk-Klassikern herausgebracht. Weshalb haben Sie diese Songs überarbeitet und nicht als Originale veröffentlicht? Dietrich: Ursprünglich bestand die Idee einer «Best of»mit zwölf Titeln. Ich musste diese Songs aber digitalisieren. Wenn sie dann auf dem Computer sind, merkt man, hoppla, da habe ich damals noch eine Gitarre vergessen. Dann holt man das nach und freut sich, wie es nun tönt. Am Schluss sind aus der «Best of»-Idee 29 Lieder und ein 64-seitiges Booklet geworden – aus reiner Freude.Dazu kommt noch etwas anderes:Bei der Auseinandersetzung mit den Songs habe ich gemerkt, dass dieser Sound für mich gar nichts Retrospektives hat. Ein Song wie «I Want Some More» zeigt mir, dass ich auch heute gerne etwas mehr an guter Musik, an Action, an Frechheit hätte. Ich bin etwas erschrocken darüber, wie ähnlich sich 1976 und 2006 sind. Sie denken also, eine Bewegung wie damals Punk täte heute der Musik und der Gesellschaft gut? Dietrich: Mir jedenfalls täte es gut. Aus sich heraus etwas schöpfen ist Ur- Punk. Punk würde ich auch nicht eine Bewegung nennen, damit wurde eine Barriere geöffnet, um Konformismus und Gehorsam zu besiegen. Das wäre heute wieder bitter nötig, viel nötiger, als es1976 war. Den einzigen Unterschied zu damals sehe ich darin, dass es heute viel mehr Mauern gibt, diese aber farbig angemalt sind und von den Leuten deshalb nicht als Mauern erkannt werden. Als 21-Jähriger waren sie der Vorreiter der Punk-Bewegung in der Schweiz ... Dietrich: ... und, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, mit dem «Hey» in Zürich Betreiber einer der weltweit erstenPunk-Klubs ... Was hat Ihnen damalsden Ärmel hineingerissen? Dietrich: Was ich vorher gesagt habe: Ich wollte die Normenan der Garderobe abgeben. Damit waren Sie ein ziemlicher Aussenseiter – wie ist das in derStadt aufgenommen worden? Dietrich: Im Buch von Lurker Grand beschreibe ich das ausführlich. Es gab damals ziemlich viele verlorene Seelen. Leute, die nirgends hinpassten – aus der Stricher- und Nuttenszene, Künstler und Musiker.Das ergab eine ziemlich brisante Mischung. Die Plattform, die sie im «Hey»erhielten, wurde schnell benutzt. Es gab Autorenlesungen, Konzerte, Performances, ein sehr vielfältiger und grosser Output. Dann kam schnell einmal die Achtzigerbewegung mit den Jugendunruhen. Hatten die beiden Szenen etwas miteinander zu tun? Dietrich: Insofern,als die Achtzigerbewegung den Punkspirit abgewürgt hat. Die Achtzigerbewegung hat im Gegensatz zu der Punkszene das Gute und das Böse in dieser Welt gesehen – wir haben das den Katholiken überlassen. Die«Achtziger» haben sich als legitimiert angesehen, das Böse zu bekämpfen. Punk hingegen hat sich auch von der Politik immer abgegrenzt. Wir wollten uns weder normieren noch instrumentalisieren lassen. Mit Böse und Gut, Falsch und Richtig haben wir gespielt. In diesem Sinne haben wir das Böse alst heatralische Figur auch immer geschätzt. Die bürgerliche Gesellschaft war für uns nicht existent, die haben wir einfach weggelacht. Hatten Sie mit Widerstand zu kämpfen? Dietrich: Nur. Lustigerweise kam der erste Widerstand aus der linken Alternativszene. Meiner Band Nasal Boys haben sie zum Beispiel in der Roten Fabrik (einem alternativ geführten Jugendzentrum in Zürich, die Red.) zweimal nach den ersten paar Songs den Strom abgedreht. In der Presse wurden wir bereits im Jahr 1977, zusammen mit den Ramones und Patti Smith, als Nazis beschrieben. Die haben nicht begriffen, was wir machen, mussten uns dennoch irgendwo einordnen. Wir haben das genossen– böser uns jemand fand, umso wohler ist es uns geworden. Eigentlich waren wir nämlich gar nicht böse und waren froh, gab man uns dieses Image. Doch Sie haben auch mit Nazi-Symbolen gespielt. Dietrich: Das war inder zweiten Phase. In einer ersten Phase trugen wir Krawatten und kurze Haare, und das genügte, um uns diesen Rassismusvorwurf anzudichten. Und wir haben uns gesagt, okay, wenn ihr das wollt, könnt ihr das haben.Man muss das jedoch auch in einem Gesamtkontext sehen: Wir wollten auch darauf hinweisen, dass das Böse existent ist. Das zeigten auch Bandnamen wie Jack The Rippers. Wir habenGewalt in der Darstellung ausgelebt, doch als gewalttätig habe ich die Punkszenenie empfunden. Es war aber auch eine Abgrenzung gegenüber dem Nach- Hippietum – das war mindestens gleich spiessig, wie ich meine Eltern erlebt habe. Anfang derAchtzigerjahre waren Sie dann auch Vorreiterder Wave-Szene. Wie kam es zum Wandel? Dietrich: Mit dem Punk wurde der Freiraum geschaffen, der sich dann der Kreativität vieler Bands der Achtzigerjahre niederschlug. Die Früchte konnten geerntet werden, damit war die Mission des Punkerfüllt.
Informationen aus erster Hand Von René Mehrmann Zürich. – Es ist 324 Seitendick, erscheint heute in der Edition Patrick Frey und ist Teil des breit angelegten Projektes swisspunk.ch– das Buch «Hot Love – Swiss Punk& Wave 1976–1980». Zum Projekt gehören auch die neue CD des Schweizer Urpunkers Rudolph Dietrich«Sheer Hilariousness» sowiedie DVD «Punkcocktail» von René Uhlmann. Das sorgfältigeditierte und liebevoll gestaltete Buch von Lurker Grand und seinen Mitautoren sowie die DVD widmen sichden Anfängen der Schweizer Punkszene. Kaum einem der damaligen Protagonisten und Punkfans ist sich heute bewusst, dass die Schweizer Punkszene nicht einfach eine Kopie der Szenen in New York oder London war. Denn gleichzeitig mit New York und London trafen sich auch in Zürich zum ersten Mal Jugendliche, die von Bombastrockern à la Pink Floyd und Genesis genug hatten. Nicht die perfekte Beherrschung des Instruments und kompositorisches Können standen bei den Urpunks im Vordergrund, sondern Kreativität und Spontaneität. Man ging nicht monatelang ins Studio, um ein Album aufzunehmen, sondern höchstens eine Woche. Diese Kraft und Direktheit der Singles und Alben hat auch 30 Jahre nach deren Erscheinen nicht abgenommen. Im Buch «Hot Love –Swiss Punk & Wave1976–1980 schildern die Schweizer Punker der ersten Stunde die Anfänge von Bands wie Nasal Boys, Kleenex, Troppo, The Bucks und vielew eitere mehr.A ngereichert mit vielen Fotos lässtd as Buch den Leser auf eine Zeitreise zu den Anfängen der Schweizer Punkszene gehen. Für ältereS emester ist das schon fast wie dasAnschauen alter Schulfotos an einem Klassentreffen – und die jüngeren Semester können einmal nachsehen, was ihre Mütter und Väter vor 30 Jahren so trieben. (rem) «Hot Love – Swiss Punk & Wave 1976– 1980», Edition Patrick Frey, Zürich, 68 Franken.
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