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061219 - Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 11.12.06 ©Süddeutsche Zeitung von Felix Denk In der Konsumlücke Der krude Charme des Selbstgemachten: Punk in derSchweiz Punk,das war der Versuch, gesellschaftliche Tristesse in Leidenschaft umzuwandeln.So empfand es jedenfalls Rudolph Dietrich, der 1976 die erste regelmäßige Punk-Party in Zürich organisierte. „Nette Kerle und kein Chef” im Club Hey,einer Schwulendisko. Da tanzten „Nutten, Stricher, Musiker, Karriereunwillige,Sado-Masos, Schwuchteln, Künstler, Modemacher, Fotografen, Filmer, Pornoproduzenten, Models”, wie er sich erinnert. Also alle, die anders waren als die anderen oder sich zumindest so fühlten, die aufbegehrten gegen das betuliche Bürgertum, dem jede Form von Abweichung missfiel, und gegen dieAlt-Hippies, deren Fortschrittsdenken sich zu neuen Dogmen zementierte. Die erste Single der Sex Pistols, „Anarchy in the UK”, die vor genau 30 Jahrenerschien, bündelte diese Randgestalten zu einer neuen, grellen Jugendkultur. Nachdem Bücher wie „Please Kill Me”, „Englands Dreaming” und „Verschwende deine Jugend”die Geschichte des Punk in Amerika, England und Deutschland erzählten, hat nun auch die Schweiz mit „Hot Love” ihr Buch zu dieser Bewegung. Gemessen an NewYork, wo Punk in Clubs wie dem CBGS und Max Kansas City entstand, oder London,wo Malcolm McLaren mit den Sex Pistols das perfekte Punk-Produkt schuf, warZürich natürlich tiefe Punk-Provinz. Aber genau das macht „Hot Love”lesenswert. Denn die Randlage förderte den Einfallsreichtum, wie die Geschichten der Beteiligten zeigen. Punk-Platten aus England waren in der Frühphase schwer zu bekommen, oft nur als teurer Direktimport. Passende Kleidung, wie die in London so beliebten Leopardenhosen mit fluoreszierenden Effekten, gab es nicht. Beinahe zwei Jahre klaffte eine Konsumlücke, wie sich Peter Fischli erinnert, der selbst in Punk-Bands spielte und Platten-Cover gestaltete, bevor er als bildender Künstler in den achtziger Jahren weltberühmt wurde. Und so mussten die Zürcher Punks alles selber machen. Unzählige Bands entstanden, dazu Plattenlabels, Klamottenläden, die selbstgestaltete T-Shirts verkauften und Fanzines, die über die Szene berichteten. DerSelbermach-Imperativ und der Dilettanten-Charme des Punk entfaltete in der Schweiz eine nervöse Energie. Doch manche Geschichten kommen ganz bieder daher. Die Maeschi-Brüder aus Biel beispielsweise: Nach einer durchzechten Nacht zertrampelten die ein Blech voller „Gipfeli” in der Bäckerei des Vaters. Zur Strafe mussten sie die Croissants am nächsten Tag aufessen. Hier ist Punk weniger glorifiziertes Querdenkertum als ein harmloser Jungsspaß. Auch das vernachlässigen viele der anderen Bücher über Punk.
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